DFG-Projekt „Bäuerliche Agency im Spätmittelalter. Handlungs- und Konfliktfelder in der Grundherrschaft der Benediktinerabtei und des Stifts Ellwangen“
Im Zentrum des von der DFG geförderten und am Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte an der Universität Würzburg angesiedelten Projekts steht die „bäuerliche Agency“. Darunter wird sowohl das zielgerichtete Gestalten, Sichern und Verhandeln der eigenen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Stellung als auch das situative Reagieren auf Umbrüche und Krisen verstanden. Während die historische Forschung lange Zeit der ländlichen Bevölkerung im Kontext von Leibeigenschaft und Grundherrschaft eine eher passive Rolle zugeschrieben hat, werden Bauern nun mehr und mehr als handelnde Subjekte analysiert, die ihre soziale und ökonomische Lebensrealität selbst aktiv mitbestimmten. Auf Basis einer außergewöhnlichen Quellendichte zur Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte – Urbare, Rechnungs- und Schuldverzeichnisse, Lehenregister, Leibeigenenverzeichnisse und Urkunden – werden am Beispiel des Benediktinerklosters Ellwangen (ab 1460 Chorherrenstift und Fürstpropstei) vier zentrale Themenfelder untersucht:
- Agrarisch-ökonomisches Handeln
- Beziehungen zum Grundherrn
- Persönliche Mobilität und Ausgestaltung der Leibeigenschaft
- Handeln von Einzelnen und kollektives Zusammenwirken innerhalb der Dorfgemeinschaft
Der Untersuchungszeitraum von 1350 bis zum Bauernkrieg 1525 erlaubt es dabei, die Auswirkungen der spätmittelalterlichen Agrarkrise auf die über den heutigen Ostalbkreis verstreuten Ellwanger Besitzungen im Grenzgebiet zwischen Schwaben und Franken im Detail nachzuvollziehen. Ziel ist es, das herrschaftliche Verwaltungsschriftgut systematisch auszuwerten und bezogen auf die bäuerliche Perspektive neu zu interpretieren. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zum internationalen Forschungsdiskurs über die Lebenswelt ländlicher Gesellschaften im vorreformatorischen Europa.
